Die Geister aus Stein: Archäologie und Geheimnis im Megalithpark von Pranu Mutteddu
4 September 2025
Die Insel Sardinien ist ein Ort, an dem Geschichte und Legende untrennbar miteinander verwoben sind. Inmitten ihrer rauen Landschaften und jahrtausendealten Traditionen gibt es Orte, an denen die Grenze zwischen dokumentierter Vergangenheit und Folklore vollständig verschwimmt. Der Archäologische Park von Pranu Mutteddu im Gemeindegebiet von Goni ist einer dieser Orte. Bereits in einem Artikel auf der Website erwähnt, den Sie hier lesen können, bietet dieser archäologische Komplex eine einzigartige Gelegenheit, eine alte und geheimnisvolle Welt zu erkunden.
Die sardischen Volkslegenden, bekannt als „contus de forredda“ oder „contus de foghile„, entstanden in längst vergangenen Zeiten und wurden mündlich vor dem alten häuslichen Herd weitergegeben. Diese Geschichten, die von Geistern, Hexen, Kobolden und umherirrenden Seelen handeln, hatten das Ziel, Phänomene wie Tod oder Viehdiebstahl zu erklären. Sie sind ein integraler Bestandteil eines uralten Wissens, das zu verschwinden droht, und der Park von Pranu Mutteddu ist ein klares Beispiel dafür, wie diese Erzählungen ihre Wurzeln in realen und geheimnisvollen Orten haben.
Ein megalithisches Universum, das alte Geschichten erzählt
Der Archäologische Park von Pranu Mutteddu ist bekannt als eines der bedeutendsten und faszinierendsten Begräbnisgebiete des prähistorischen Sardiniens. Seine Strukturen, die aus einer fernen Epoche stammen, waren seit 1980 Gegenstand von Ausgrabungen und archäologischen Studien, die vom Archäologen Enrico Atzeni durchgeführt wurden. Der Ort zeichnet sich durch die Anwesenheit mehrerer Grabkomplexe aus. Zum Beispiel ist die Grabstätte IV auch als „die Triade“ bekannt, aufgrund der Anwesenheit von drei Menhiren.
Diese Gräber wurden mit lokalem Sandstein erbaut und bestehen in der Regel aus zwei oder drei konzentrischen Steinkreisen, die manchmal eine gestufte Verkleidung aufweisen, um den Hügel zu stützen. In der Mitte befindet sich eine Grabkammer, die in „sub-kyklopischer Technik“ erbaut wurde und über einen Korridor aus Steinplatten zugänglich ist.
Protoanthropomorphe Menhire und die Legenden der Riesen
Neben den Gräbern ist der Park übersät mit Menhiren in „protoanthropomorpher“ Form, das heißt, sie ähneln vage der Gestalt eines Menschen. Diese morphologische Besonderheit stellt eine direkte Verbindung zur Volksfantasie her, die diese Strukturen über Jahrhunderte hinweg als Wohnstätten mythischer Wesen interpretiert hat.
Nach einem alten Volksglauben waren die geheimnisvollen „Gräber der Riesen“ auf Sardinien keine einfachen prähistorischen Begräbnisstätten, sondern dienten dazu, echte Riesen zu bestatten. Der Volksglaube schreibt diesen imposanten Strukturen auch „besondere esoterische Eigenschaften“ zu, was das Geheimnis um sie herum nährt. Die Vorstellung von riesigen Wesen, die einst auf der Erde wandelten, verbunden mit heiligen Steinen und Orten der Macht, ist eine Erzählung, die auch heute noch fasziniert.
Der unsichtbare Faden des Volksglaubens
Der Park von Pranu Mutteddu ist mit seinen Steinen und Rätseln Teil eines größeren kulturellen Gefüges, eines narrativen Universums, das fantastische Figuren hervorgebracht hat, die die sardischen Nächte bevölkern. Neben den Riesen erzählen die „contus de forredda“ von Kreaturen wie den Panas, Frauen, die im Kindbett starben und dazu verdammt sind, für eine gewisse Zeit die Kleidung ihres Kindes zu waschen, oder S’ammutadori, ein Schlafdämon, der schlafende Hirten und Bauern in den Feldern erstickt.
Es gibt auch das kleine Volk der Janas, Feen, die kaum größer als eine Handspanne sind, die in den geheimnisvollen „Domus de Janas“ wohnen und Schätze bewachen, die sie nur denen offenbaren, die nicht gierig sind. Und dann gibt es Sa musca macedda, eine Kreatur, die alte Schätze bewacht, so groß wie der Kopf eines Ochsen, die jene zerfetzt, die nicht auserwählt sind, den Reichtum zu finden.
Die Menhire von Pranu Mutteddu, mit ihrer Form, die menschliche Figuren andeutet, sind nicht nur archäologische Funde, sondern scheinen die Seele dieses fantastischen Universums widerzuspiegeln, in dem jeder Stein und jeder Winkel der Landschaft eine Geschichte und ein Geheimnis verbergen kann.
Das Erbe aus Stein und Worten
Dieser Artikel zielt darauf ab, das empfindliche Gleichgewicht zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis, die den Park als prähistorisches Begräbnisgebiet interpretiert, und der reichen mündlichen Tradition Sardiniens zu erkunden, die ihn als einen Ort von Riesen, Geistern und Seelen sieht.
Die „contus de forredda“ sind die Art und Weise, wie unsere Vorfahren versuchten, die Welt um sie herum zu erklären, indem sie in der Dunkelheit der Nacht und der Erhabenheit der Steine das Rohmaterial für ihre Erzählungen fanden. Die megalithischen Gräber von Pranu Mutteddu sind ein greifbares Zeugnis dieser untrennbaren Verbindung, bei der jeder Stein und jeder Menhir die Geschichten einer vergangenen Zeit zu flüstern scheint, den Besucher einlädt, über die bloße sichtbare Realität hinauszublicken und in ein Universum aus „Legenden und Traditionen“ einzutauchen, das im Herzen Sardiniens weiterlebt.